Fitte Faszien: Was ist dran am Hype um die Rolle?

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Faszien? Noch vor wenigen Jahren hätten die meisten von uns bei diesem Begriff wohl ahnungslos den Kopf geschüttelt. Mit „Bindegewebe“ hätten wir ja noch etwas anfangen können – aber Bindegewebe war auch nur dann von Bedeutung, wenn man sich über schlaffe Haut nach starkem Gewichtsverlust, Schwangerschaft oder Cellulite geärgert hat. Dass „Faszien“ so ein Thema geworden sind, verdanken sie der fortschrittlichen Forschung – und dem daraus entstandenen Fitness-Hype. Seitdem polieren Fitnessstudios ihre Kurse mit dem Beiwort „Faszien-Yoga/Pilates/Training…“ auf und Blackrolls werden einem sogar vom Discounter hinterhergeworfen. Aber wenn Faszien nun nichts anderes als Bindegewebe ist, kann man es dann überhaupt trainieren? Und ist das ganze nun Geldmacherei oder doch eine sinnvolle Ergänzung zum Training?

Faszien – viel mehr als man denkt

Faszien waren lange Zeit auch für die Wissenschaft nicht mehr als totes Füllmaterial. Sie umhüllen, polstern, formen und schützen alles, was wir so haben: Organe beispielsweise, Gelenke und Muskeln. Doch als die Forschung sich mit der genaueren Anatomie der Faszien auseinandersetzte, wurde klar: Tot ist was anderes.

Faszien bestehen aus den Strukturproteinen Kollagen und Elastin, aus Bindegewebszellen und einer wässrigen Grundsubstanz, der Matrix. Eben in dieser Matrix sind Abwehr-, Lymph- und Fettzellen sowie Blutgefäße, Nervenendigungen und Wasser enthalten. Mehr Nervenendigungen und Sensoren, als im Muskel selbst. Damit werden Faszien zum wichtigsten Kommunikationssystem unseres Körpers: Sie leiten jede Information zu Bewegungen, Dehnungen, Lage von Muskeln und Organen an das Gehirn weiter. Faszien empfangen Schmerzsignale, reagieren auf Druck, Schwingung oder Stress. 2007 weitete man den Begriff „Faszie“ deshalb vom weichen Bindegewebe auf die Gelenk- und Organkapseln, Bänder und Sehnen aus. Wissenschaftler diskutieren seitdem darüber, ob das Bindegewebe angesichts seiner komplexen, unentbehrlichen Informationseigenschaften nicht als weiteres Sinnesorgan gesehen werden sollte. Es wäre damit noch vor der Haut das größte, das wir besitzen.  Ein weiterer Punkt: Jedwede Kraftaufwendung im Körper wird von Faszien übertragen, nicht von den Muskeln. Die Muskulatur ist zwar das, was anspannt, doch das Fasziensystem überträgt diese Kraft und stabilisiert dabei den Körper. Nicht nur für Sportler, auch für den Alltag ist das von Bedeutung: Es ist Sturz- und Verletzungsprävention schlechthin. Wer also nur Muskeln trainiert und den weißen Strukturen, dem Bindegewebe, keine weitere Beachtung schenkt, hat zwar Muskelberge vorzuweisen – die Kraft wirklich nutzen können Sportler aber erst, wenn das fasziale System ebenfalls reibungslos funktioniert. Denn das vernetzte Bindegewebe ist es, welches die Kraft von Muskel zu Muskel überträgt und damit geschmeidige, ineinandergreifende Bewegungen möglich macht.

„Verklebte Faszien“ – was steckt dahinter?

Bindegewebe durchzieht unseren ganzen Körper, je nach Lage und Funktion in unterschiedlicher Zusammensetzung. Lockeres Bindegewebe beispielsweise verfügt über einen höheren Anteil an Elastin, das seinen Namen nicht von ungefähr hat: dieses Protein ist hoch elastisch und kehrt nach jeder Dehnung ähnlich wie ein Gummiband in seine Ausgangsposition zurück. Festes Bindegewebe wie die Achillessehne hingegen besteht aus deutlich mehr Kollagen. Es ist extrem dehnbar und reißfest, mit einer Zugfestigkeit höher als Stahl.

Das Fasziennetz ist aus übereinanderliegenden Schichten aufgebaut. Bei jeder Bewegung des Körpers gleiten diese Schichten aneinander vorbei. Vorausgesetzt, sie sind gut geschmiert. Denn Faszien können auch „verkleben“. Schuld ist meist ein Bewegungsmangel. Und dann passiert Folgendes: Da der Lymphfluss ausschließlich durch Muskelbewegungen in Gang gehalten wird, können bei nicht ausreichenden Bewegungsreizen die Nährstoffe nicht mehr optimal zu den Zellen transportiert werden. Lymphe transportiert jedoch zusätzlich den Blutgerinnungsfaktor Fibrinogen. Staut sich das nun im Gewebe, wird das Fibrinogen zum körpereigenen „Klebstoff“ Fibrin abgebaut – ein Stoff, der normalerweise eine blutende Wunde verschließt. Die Faszien verkleben. Eingeschränkte Beweglichkeit ist die Folge – und nicht selten wird das durch Fehlhaltung kompensiert oder resultiert in eingeklemmten Nerven. Humanbiologe und Faszienforscher Robert Schleip führt sogar rund 80 Prozent der Rückenschmerzen eher auf verklebte Faszien als auf Ursachen wie Bandscheibenvorfälle zurück. Auch Flüssigkeitsmangel verändert die Struktur des Bindegewebes nachweislich und führt zu Verfilzungen der Faszien. Und Stress? Auch der beeinflusst das Gewebe. Experimente zeigten, wie sich die Faszien unter dem Einfluss von Stresshormonen zusammenzogen und verhärteten.

Faszien Faszienrolle

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Schmerzen einfach wegrollen – geht das?

Wer zum ersten Mal eine Faszienrolle benutzt, wird definitiv ein Wort im Sinn haben: „Aua!“. Denn selbst das vorsichtigste Rollen über den harten Schaumstoff ist am Anfang kein sanftes „Training“, sondern eine recht schmerzhafte Prozedur. Ein Trost gleich vorweg: Nach ein paar Anwendungen hat sich das gegeben. Aber was genau passiert denn nun im Bindegewebe, wenn man eine Faszienrolle benutzt?

Der Druck auf das Gewebe wirkt durchblutungsfördernd und schüttet Stickstoffmonoxid aus. Das ist ein weichmachender Botenstoff, der die Gefäße erweitert und so den Stoffwechsel im bearbeiteten Bereich anregt. Des Weiteren soll das Rollen Wasser aus dem Gewebe drücken, das sich anschließend mit frischer Gewebsflüssigkeit füllt und somit die Regeneration begünstigt. Die Dehnung der Körperpartien, die mit dem Rollen einhergeht, fördert außerdem den Abbau von sprödem Gewebe und bringt die Bindegewebszellen zur Synthese neuer Kollagenfasern. Das Rollen soll also zweierlei können: Zum einen Verspannungen lösen und die Regeneration und damit Leistungsfähigkeit des Körpers beschleunigen, zum anderen das Gewebe straffen und festigen. Für ersteres ist laut Dr. Robert Schleip tägliches, aber sehr langsames Rollen nötig. Wer stattdessen straffen will, der sollte nur alle zwei Tage mit einer kräftigen Rollbewegung arbeiten.

Hype oder Revolution? Ein schmaler Grat

Und genau da kommen wir an den Punkt, wo der Hype anfängt. Denn klingt es nicht viel besser und vor allem angenehmer, man müsse nur jeden zweiten Tag für ein paar Minuten über eine Schaumstoffrolle rutschen, um zum einen seine Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen und zum anderen endlich zu einer schlanken, dellenfreien Silhouette zu kommen? Für diejenigen, die Sport eher als lästiges Übel statt Teil ihres Lebens sehen, definitiv. Und genauso wie viele regelmäßig auf den neuesten Ernährungstrend aufspringen, rennen sie nun die Faszien-Kurse der Fitnessstudios ein, in der Hoffnung auf bahnbrechende Erfolge. Doch ein kritischer Blick hinter die Kulissen ist durchaus angebracht. Denn zum einen hat Schleip, der mit seiner Forschung das Thema erst so richtig in aller Munde gebracht hat, mit dem Hype um die Faszien zumindest einen schönen Nebenverdienst. So sitzt er im wissenschaftlichen Beirat der Fascial Fitness Association GmbH – dem Unternehmen, das unter anderem von seiner Frau geleitet wird. Hier können sich Interessierte zum Faszien-Trainer ausbilden lassen oder in einem Webshop zig Produkte rund ums Thema, von idealer Musik zum Faszientraining, „Toning Sets“ bis hin zu Trainingsmaterialien erwerben. Zum anderen haben Schleip und seine Frau viele dieser Ratgeber, die sich verkaufen wie warme Semmeln, selbst verfasst. Der Markt boomt.

Die Wissenschaft im Allgemeinen steht dem Thema etwas skeptischer gegenüber. Fraglos hat man entdeckt, dass Faszien einen großen Einfluss auf unsere Lebensqualität haben und eine enorme Rolle bei unserer körperlichen Fitness spielen. Das Allheilmittel oder der Fitmacher schlechthin ist Faszientraining aber nicht. Die Forschungen zum Thema Bindegewebe stehen noch relativ weit am Anfang, aussagekräftige Studien über die Wirksamkeit des Faszientrainings fehlen. Fakt ist: Die Massage des Gewebes bleibt selbst mit der härtesten Rolle oberflächlich – Physiotherapeuten oder Masseure können nachgewiesenermaßen tiefer greifen und gezielter Verspannungen lösen. Auch Muskelkraft oder athletische Leistungen steigerten sich kanadischen und amerikanischen Studien zufolge mit der Nutzung der Faszienrolle nicht. Sportwissenschaftler wie Dr. Homayun Gharavik gehen viel mehr davon aus, dass die Dehnung des Gewebes durch die Bewegung auf der Rolle Erfolge bringt: „Oftmals muss man sich so verrenken, um die gewünschte Partie zu rollen, dass man den ‚Ganzkörperanzug‘ ordentlich auf Spannung bringt. Das kann dann der Faszie manchmal mehr bringen, als das Rollen selbst“, sagte der Arzt in einem Gespräch mit dem Netzathleten Magazin. Und: „Ein Training muss immer multidimensional sein. Nur mit einer Faszienrolle wird man genauso wenig ein Problem lösen können, wie allein mit Fasziendehnung oder Krafttraining.“ Auch Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln äußerte sich in einem Artikel der „WELT“ eher kritisch: „Wer seine Muskeln schon immer dynamisch gedehnt hat, der hat keine Probleme mit seinen Faszien.“ Sich nur auf die Faszienrolle zu legen, mache wenig Sinn. Dann bleibe die ganze Muskulatur untrainiert – und damit auch das Bindegewebe.

Faszien Yoga Dehnen

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Yoga und Pilates: Klassisches Training für die Faszien

Genau das ist es, was auch Dr. Robert Schleip und seine Ulmer Forschungsgruppe inzwischen betonen. Faszien-Yoga, Pilates und Co. funktionieren zwar – aber das würden sie genauso ohne den Zusatz „Faszien“ am Anfang tun. Denn was den Bindegewebsstrukturen gut tut, sind zum einen die dehnenden, langgehaltenen Bewegungen mit fließenden Richtungswechseln, zum anderen federnde, hüpfende Bewegungen wie beim Seilspringen, welche die elastische Speicherfähigkeit der Faszien trainiert. Wichtig ist also ein möglichst abwechslungsreiches Training, das immer wieder neue Bewegungsreize setzt und den Körper auf verschiedenste Art fordert. Ob der Körper anschließend klassisch für 5 Minuten gedehnt oder die Muskeln für dieselbe Zeit „ausgerollt“ werden, spielt Studien zufolge keine Rolle für die Faszienfitness – Hauptsache ist, es wird gemacht.

Ich selbst muss sagen, schwöre inzwischen bei anstrengenden Einheiten auf meine kleine Rollkur für die Faszien. Dem Muskelkater kann ich seitdem ziemlich oft ein Schnippchen schlagen. Dass Faszientraining wirkt, möchte ich deshalb nicht bestreiten. Gerade wer sich die regelmäßige Sportmassage nicht leisten kann und sich nach dem Training etwas Gutes tun will, ist mit der Rolle gut bedient und wird mit Sicherheit einige Erfolge bei schnellerer Regeneration verzeichnen können. Mehr als eine Ergänzung zum Training sind Faszienrollen aber nicht. Denn wie bei jedem Training gilt auch für die Faszien: Die Abwechslung macht den Unterschied!

Wie seht ihr den Hype um Faszienfitness und Co.? Habt ihr eine Faszienrolle, die ihr nach dem Training verwendet? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht? Ich freue mich über eure Kommentare.

Denise Bernard

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6 thoughts on “Fitte Faszien: Was ist dran am Hype um die Rolle?

  • Schön, dass es mal einen Artikel zum Thema gibt, der nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist, die Blackroll zum Universalwerkzeug für alles macht und diesen übertriebenen Hype auch noch fördert. Ich bin zwar auch der Meinung, dass meine Rolle was bringt, aber es nervt mich schon, wenn ich überall nur noch was von Faszien-Yoga usw. lese. Ein bisschen mehr Realität wäre da ganz angebracht, denke ich. Also danke für diesen schönen Artikel, der auch mal was erklärt und dabei durchaus auch ein wenig kritisch ist. LG Manu

  • Wenn ich die Rolle benutze, kann ich mehr Laufeinheiten in der Woche absolvieren (ca 50 km) ohne muskuläre Probleme zu haben. Vernachlässige ich das Faszientraining, spüre ich, wie sich diese verkleben. LG

  • Sehr schöner Artikel, der wirklich gut recherchiert ist. Ich finde es toll, dass du auch die Studie etwas anzweifelst und dennoch einen super ausgeglichenen Artikel geschrieben hast.

    Ich würde gerne mehr Dehnübungen und mehr Faszientraining machen – aber auch nur, weil ich da absolut „untertrainiert“ bin und meine Beine kaum gerade strecken im Liegen.

    Danke für den schönen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Danke Nicole für dein Feedback! Ja, wer kennt das nicht: Man nimmt sich vor, mehr für seine Beweglichkeit zu tun, und an sich würde es ja auch nur die 15min extra am Tag in Anspruch nehmen – aber letztendlich scheitert man sogar an dieser Viertelstunde 😉 Wir bleiben einfach dran, nicht wahr? Das Jahr ist noch jung, und es ist immer Platz für einen kleinen, neuen Vorsatz. Liebe Grüße, Denise

  • Sehr guter Beitrag! Ich selbst habe meine „Hüfterkrankung“ Hüftimpingement durch Faszientraining und korrigierende Übungen auskurieren können. Der Hype hat also definitiv seine Daseinsberechtigung.

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