Hannah. Eine Frau macht Calisthenics.

Pistols Hannah Calisthenics

Source: Hannah Aegerter

Hannah Kampfkrümel… Ich glaube fast, einen besseren Spitznamen hätte Hannah Aegerter nicht finden können. Ich hatte schon einiges von Hannah von Freunden gehört oder auf Facebook gelesen, und irgendwie blieb mir dieser Name in Erinnerung. Bis zu dem Tag, an dem Hannah ein Video postete, und dazu folgenden Text:

Hey Mädels,
Ich habe in den vergangenen zwei Wochen mal 7 Trainingstage von mir gefilmt und zu einem Video geschnitten. Zu den Workouts gehört für mich immer noch Skills-Training von Übungen, die ich (noch) nicht beherrsche. Ich würde mich sehr über Kritik und Verbesserungsvorschläge der Ausführung, bzw über Tipps zu den Skills freuen.“

Gut, dass  Athleten stolz ihre ersten Pullups zeigen oder sich über saubere Pushups freuen, ist nichts Neues. Und ohne Frage verdient all das bereits Applaus! Aber als ich das Video anschaute, klappte mir die Kinnlade herunter. Denn das, was Hannah zeigte, war weit von ein paar Pullups entfernt. Neben krassen Pushup-Varianten und blitzsauberen Toes to Bar zeigte sie auch, was sie noch so drauf hat: Kipping Handstand Pushups, beispielsweise. L-Sit-Pullups. Dragon Flag. Sie zeigte, wie sie sich an den Shoulder Stand herantastete, Back Lever übte, einarmigen Handstand und – noch mit Bandunterstützung – Muscleups und Human Flag. Kurz und knapp: Das, was Hannah da präsentierte, hatte mit reinem Freeletics nichts mehr am Hut. Das war Calisthenics, und zwar auf echt gutem Level.

Calisthenics Hannah Human Flag

Source: Hannah Aegerter

Und es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte gesehen, wozu Hannah fähig war, und mir war sofort klar: Darüber will ich mehr wissen. Wie kommt jemand dazu, mit solcher Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit an Skills zu arbeiten, welche die meisten Männer noch nicht mal draufhaben? Wie viel Training steckt dahinter – und wie viel Training davon ist geprägt durch Mut, Frustration und Verzweiflung? Also schrieb ich Hannah an und fragte sie Löcher in den Bauch. Ein bisschen zögerlich war sie zuerst, als ich sagte, ich wolle über sie schreiben. Aber dann fing sie an zu erzählen. Und es brauchte keine zwei Sätze, um zu merken, wie viel Feuer für dieses Thema in ihr steckt. Und hier ist sie also, die Geschichte. Darf ich präsentieren? Hannah. Eine Frau macht Calisthenics.

5 Brüder und eine prägende Reise

Hannah Kenia Calisthenics

Source: Hannah Aegerter

Kampfgeist, das hatte sie schon immer, erzählt Hannah. Unter 5 Brüdern brauchte sie von Anfang an ein wenig mehr Biss als andere Mädels, und obwohl sie keine Coach-Potato war, zog es sie weniger in Sportvereine und Co. Lieber war sie draußen in der Natur unterwegs und bewunderte die Sportler und deren Fähigkeiten nur aus der Entfernung. Bis zu einer Reise nach Kenia, zum Freiwilligen Sozialen Jahr.

Sie hatte dort als Grundschullehrerin gearbeitet, unter anderem für Sportunterricht. Mehr als Fußball auf der Wiese oder ein paar Rennspiele gab es nicht – dazu aber täglich Tee und Ugali (Maisbrei) und als Resulat extreme Gewichtsschwankungen mit letztendlich 10 Kilogramm mehr auf den Rippen. Nach der Rückkehr nach Deutschland fasste Hannah einen Entschluss: Sie wollte wieder auf ihr altes Gewicht zurück, und zwar mit Sport. Eigentlich hätte es das Fitnessstudio sein sollen, der Probemonat lief schon. Doch dann erzählte einer der Brüder von Freeletics und seiner Hellweek – mit so einer Begeisterung, dass sich die vier anderen Geschwister zusammen den Coach kauften und starteten. Hannah war von der ersten Minute an fasziniert. Endlich hatte sie genau ihren Sport gefunden!

Aber je länger sie nach den Workouts trainierte, desto mehr änderten sich die Prioritäten. Statt über eine bestimmte Zahl auf der Waage freute sich Hannah bald vielmehr über den Ansatz von Sixpack und die sich stetig bessernden Leistungen. Sie ging ihren Kindheitstraum, einen Kletterkurs, an und bald darauf auch ihren Hassfeind, das Joggen. Dass sich nach und nach mehr Calisthenics in ihr Training einschlich, war dabei ein natürlicher Prozess. Während bei Freeletics alles nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ ging, faszinierte Hannah bei Calisthenics, wie viel Körperspannung bei absolut ruhigen Bewegungen nötig war. Wie grazil es aussah, obwohl jeder einzelne Muskel des Körpers kontrolliert unter Hochspannung stand. Zudem musste man lang trainieren, um einen neuen Skill zu können. Dieses Gefühl und der unbändige Stolz, nach zum Teil monatelangem Kampf etwas zu beherrschen, war einfach so viel anders, intensiver als bei jedem HIIT-Workout.

Hannah Handstand Calisthenics

Source: Hannah Aegerter

Der schönste Erfolg ist der hart erkämpfte

Und dabei fing auch Hannah klein an, mit Pullups. Danach arbeitete sie lange am Handstand. Ja, richtig gelesen: Sie arbeitete nicht am Handstand Pushup, sondern zuallererst am einfachen Handstand! Denn das, was für viele keine große Herausforderung ist, war für die 21-Jährige eine lange Übungssache. Der Kopf machte nicht mit. Aus Angst, umzufallen, bekam sie lange die Füße nicht hoch. Woche für Woche stand Hannah abends einfach für ein paar Sekunden kopfüber an der Wand, um diese Blockade im Denken rauszubekommen. Es wurde besser, die Haltezeit wurde länger – und nach 9 Monaten des Übens schaffte sie endlich ihre ersten Kipping HS Pushups. Inzwischen klappen sogar ein paar Strict HS Pushups, das Laufen im Handstand und – Hannahs größter Stolz – der einhändige Handstand.

Angefixt von den ersten Trainingserfolgen wollte Hannah immer mehr. Heute kämpft sie fast täglich mit eisernem Durchhaltewillen und unendlicher Geduld für das Erreichen ihrer Ziele.  Wann immer sie an ihrem Trainingsplatz ist, übt sie im Anschluss an die Workouts ihre Skills. Supergern trifft sie sich dort mit ihrer Freeletics-Crew Leipzig – ohne die tolle Truppe, aus denen echte Freundschaften entstanden sind, wäre sie heute nicht auf diesem Level, sagt Hannah. Manchmal reicht es nur für ein paar Muscleups, manchmal für 30 Minuten Calisthenics pur. Ab und an baut Hannah ihre Skills in die Strength-Workouts von Freeletics ein und verzichtet dafür auf den Stern, um ihre Fähigkeiten auszubauen. Denn was die begeisterte Sportlerin auch schon schmerzlich erfahren musste: Wer nicht dranbleibt, verliert. Kurz bevor sie Erfolge bei den OH Pushups feiern konnte, hörte sie mit dem regelmäßigen Training für diese Übung auf – und ist nun weit davon entfernt, auch nur einen einzigen sauber zu schaffen. Dafür feilt sie seit März an den Muscleups, die sie bis Ende des Jahres ohne Band schaffen will. Obwohl bereits monatelanges Training hinter ihr liegen, lässt sich Hannah nicht frustrieren. Die Kunst sei es, auch die kleinen Erfolge zu erkennen, und mögen sie noch so unscheinbar sein, meint Hannah.

Hannah Calisthenics Geschwister

Source: Hannah Aegerter

Damit das mit den Skills auch klappt, trainiert die 21-Jährige gerne mit ihren Brüdern. Sie sind Ansprechpartner und Motivatoren in einem, beherrschen selbst viele der fortgeschrittenen Übungen. Gemeinsam haben sie einen Youtube-Kanal ins Leben gerufen, auf dem sie viele ihrer Fortschritte in Bild und Ton festhalten und der zunehmend Fans gewinnt. Auch um neue Skills zu lernen, lässt sich Hannah gerne von Videos  und anderen Athleten inspirieren. Sie holt sich Tipps, fragt nach, probiert aus – und nimmt ihre Versuche dann auf Video auf, um die eigene Technik zu kontrollieren. Manchmal sind die ersten Annäherungen an eine neue Übung auf Anhieb erfolgreich, weil die erforderliche Körperspannung schon da ist. Viel eher aber übt sie Monate, meint Hannah. Pistols, Muscleups oder auch Back Lever kann man einfach nicht von heute auf morgen. Und so wird es auch bei den nächsten Zielen sein, die Hannah bereits fest im Blick hat: Human Flag im nächsten Jahr, ein Handstand ohne Schwung vom Boden oder irgendwann die Königsdisziplin, die Planche. Die besten Lehrer hat sie dabei seit kurzem in einer  Profi-Gruppe aus Leipzig gefunden: Seither versucht sie einmal wöchentlich die Freeletics-Trainingseinheit durch ein richtiges Calisthenics Training mit den Jungs von Calisthenic Movement zu ersetzen, die sich selbst bereits durch ihre beeindruckenden Videos im Netz einen Namen in der Szene gemacht haben.

Calisthenics nur für Jungs oder ganz besonders harte Mädels? Nein, findet Hannah und macht ganz klar: Calisthenics kann jeder lernen. Die größte Hemmschwelle ist nicht fehlende Muskelkraft, sondern zuallererst fehlendes Selbstbewusstsein. Die Blicke, wenn sie neue Skills übt, waren noch nie belustigt, sondern stets neugierig bis bewundernd. Auch wenn man Neues übt, das noch nicht richtig klappt, fragen andere eher interessiert nach oder geben positives Feedback und helfen mit konstruktiver Kritik. Wer bislang also lediglich an der Scheu vor der Herausforderung gescheitert ist, dem kann Hannah nur raten: Fangt einfach an!

Und das sind Hannahs‘ Tipps für euch:

  1. Traut euch! Traut euch, draußen zu trainieren, denn da macht es viel mehr Spaß!
  2. Trainiert gemeinsam! Sucht euch eine Trainingsgruppe oder Sportkollegen oder packt die beste Freundin/Schwester an der Hand. Zusammen macht Schwitzen einfach mehr Spaß. Außerdem guckt jemand auf die Ausführung und kann euch Tipps oder Rückmeldung geben. Eine Gruppe fordert euch mehr als ihr es alleine tun würdet, ihr bekommt dort Unterstützung und neue Ideen.
  3. Habt Vertrauen in euch selbst! Ihr habt das Potenzial, also nutzt es und kämpft für eure Ziele! Ihr wollt eine Human Flag können? Dann trainiert dafür, egal ob es Jahre dauert.
  4. Bleibt dran und habt Geduld. Skills sind nicht umsonst Skills: hochkomplexe Übungen, die einiges an Leistung fordern. Das lernt man nicht von einem Tag auf den anderen.
  5. Konzentriert euch auf das Wesentliche! Man kann nicht alles auf einmal lernen und intensiv üben. Steckt euch Ziele, und zwar nahe und ferne Ziele. Was wollt ihr bald können? Das baut ihr mehrmals wöchentlich ins Training ein. Was soll im nächsten Jahr erreicht werden? Das trainiert ihr immer mal wieder nebenbei zur Vorbereitung.
  6. Schmeißt die Waage weg!!! Macht Bilder, schaut in den Spiegel und nehmt ein Maßband zur Hand. Euer Gewicht sagt so gut wie nichts über euren Körper und Leistungsstand aus.

Neugierig auf Hannah geworden? Wer mehr von ihr und ihrem Training sehen will, findet sie bei Instagram, Freeletics oder auf ihrem Youtube-Kanal „Earn Your Body“.

Denise Bernard

 

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1 thought on “Hannah. Eine Frau macht Calisthenics.

  • Danke für diesen Artikel! Ich finde den so schön geschrieben!! Ich selbst bin auch ziemlich begeistert von so Calisthenics-Sachen, ich könnte da stundenlang zuschauen. Ich weiß nicht, wie viele Videos ich mir schon auf Youtube angeschaut habe und jedes Mal denke: Oh mann, das möchte ich auch können!! Aber ich finde es schwierig, sich da ranzutrauen… Das sieht bei allen so leicht aus und wenn ich mich an die Stange hänge, dann fühle ich mich wie ein nasser Sack 😀 Ich glaube, ich werde noch sehr viel üben müssen, bis ich auch nur annähernd an den Punkt komme, an dem ich mich mit Hannahs Leistungen vergleichen kann. Leider.
    Aber der Artikel zeigt mir auch, dass es tatsächlich nur eine Übungssache (und Fleißaufgabe) ist, und das hauptsächlich eine Menge Disziplin und Willen dazugehört, um das zu meistern, weniger so eine Veranlagung für Kraft. Ich werde mich wohl noch mal dahinterklemmen müssen. Also danke schon mal für die Inspiration, Hannah… Den Youtube-Kanal werde ich auf jeden Fall im Auge behalten, vielleicht kann ich mir ja doch noch den ein oder andere Kniff abschauen. Oder ihr macht selbst mal ein Tutorial? Das wäre cool. LG

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