OCR: Dreck, Schweiß und Tränen des Glücks

OCR

Source: StockPhotosLV/Shutterstock.com

Da steht sie also. Eine von 10528 Menschen. Das Herz klopft bis zum Hals, das Adrenalin lässt das Blut in ihren Ohren rauschen. Stimmengewirr, Gelächter und anheizende Musik vermischen sich zum einem Endorphin-Cocktail, der ihren ganzen Körper flutet. Die Nacht, in der sie sich schlaflos im Bett gewälzt hat, ist vergessen. Je näher der Startschuss rückt, desto mehr verdrängt das Kribbeln im Bauch die bohrenden Zweifel : „Schaff ich das überhaupt? Komme ich da durch? Ist das nicht ein bisschen zu viel für mich?“ Aber dann der Startschuss. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt setzt sich die riesige Menschenmenge langsam, aber stetig in Bewegung. Aus Gehen wird Laufen. Wie gut sich das plötzlich anfühlt! „Hey, ich bin dabei!! Ich zieh das jetzt durch!“ Und noch bevor das erste Hindernis kommt, ist sie weg, diese Unsicherheit und Angst. Ab  jetzt geht’s  los: „ Hallo, Spaß, ich komme!!!“

Das ist Sinas Geschichte. „Das war einfach ein unglaubliches Gänsehaut-Gefühl“, sagt sie rückblickend und aus ihrer Stimme klingt noch immer die Begeisterung, die sie bei ihrem ersten OCR erlebt hat. Strongmanrun am Nürburgring – „die Mutter aller Hindernisläufe“, wie es auf deren Homepage heißt. Mai 2014 war es, als sie als Fahrer ihren Freund und ihren Bruder zu deren ersten Hindernislauf an den Nürburgring begleitet – und komplett der Atmosphäre verfällt. „Die glücklichen Menschen im Ziel, die Stimmung… das war einfach so mitreißend!“, sagt sie. Doch selbst mitmachen traut sie sich nicht zu. Ein paar Kilo zu viel, nicht sonderlich sportlich – nicht die besten Voraussetzungen, um an einem Rennen über 22 Kilometer teilzunehmen. Aber ihr Freund ist so dreist und meldet sie einfach für den Lauf im nächsten Jahr an. „Du hast ja ein Jahr Zeit zu trainieren“, sagt er. Und Sina Knopf trainiert… Freeletics, Joggen, Goliaz: „Eigentlich bin ich erst durch diese ganze Sache richtig sportlich geworden“, sagt sie und lacht.

Sina OCR

Sina Knopf. Instagram: sina_del_boton; Freeletics-Profil: sina del boton

„Der Zusammenhalt ist einfach unglaublich!“

Sonja Cabezuela könnte das sofort unterschreiben. „Ich hab damals im Radio von einem Hindernislauf gehört und fand die Idee witzig“, erzählt sie. Auch für sie war der Plan, an einem OCR teilzunehmen, der Ausschlaggeber, mit regelmäßigem Training anzufangen. Für sie sollte es der Xletix in Berlin sein: 13 Kilometer, 25 Hindernisse – „und das beste Team der Welt!“, schwärmt sie. Dabei hat sie die meisten Teammitglieder erst vor Ort kennengelernt. Aber der Zusammenhalt, den sie während des Rennens erlebt habe, sei unglaublich gewesen. „Beeindruckend! Definitiv nicht mein letzter Lauf“, sagt Sonja.

Manuel Brüllmann OCR

Manuel Brüllmann

OCRs (Obstacle Course Racing), also Hindernisläufe, erfreuen sich in den vergangenen Jahren wachsener Beliebtheit. Ursprünglich kam die Idee aus dem Militär: Laufstrecken, gespickt mit Hindernissen, fordern Kraft, Ausdauer und mentale Stärke ganz anders als ein klassischer Dauerlauf. „Die Streckenlänge nimmt man gar nicht so wahr“, sagt auch Manuel Brüllmann, der für seinen ersten Hindernislauf ausgerechnet den Braveheart Battle in Bischofsheim an der Rhön ausgesucht hatte. 32 Kilometer galt es zu bewältigen: „Eine Entscheidung an einem bierseeligen Abend“, grinst Manuel.  Aber eine, die er nicht bereut: Nur drei Monate später hat er einen weiteren beendet, der dritte steht schon für Sommer im Terminkalender. Die Antwort, was ihn daran reizt, ist exakt dieselbe, die andere Hindernisläufer geben: „Das ist einfach unglaublich von der Stimmung her und macht so viel Spaß! Und ich habe noch nie einen solchen Zusammenhalt gesehen. Da machen wildfremde Menschen eine Räuberleiter, um dir über eine Betonwand zu helfen oder strecken dir an einem rutschigen Steilhang die Hand entgegen, um dich raufzuziehen. Unglaublich!“, schwärmt er. Zeiten? Unwichtig. Beim Hindernislauf bekommen alle ihre Medaille – etwas, worauf man sehr stolz sei, so Manuel. Auch wenn man je nach Strecke locker 3,5 Stunden oder mehr unterwegs ist, tut das dem Spaß keinen Abbruch. „Es ist einfach wahnsinnig abwechslungsreich. Die Laufstrecken sind da schon fast die Erholungsphasen“, sagt der Schweizer.

Die Hindernisse sind vielfältig: Sprünge ins Wasser und Gräben, die durchwatet oder durchschwommen werden müssen, wechseln sich ab mit Barrikaden, Steilwänden, Gerüsten und Kriechstrecken. Der Muskelkater danach ist vielleicht gar nicht mal so schlimm. Um blaue Flecken und Schrammen kommt aber niemand herum. „Als ich kurz danach einen Termin beim Arzt hatte, habe ich ihm erstmal gesagt, er solle sich nicht über meine blauen Flecken wundern. Ich sei nicht verprügelt worden, ich hätte nur bei einem OCR mitgemacht“, grinst Sina. Und auch Sonja zeigt ein Foto, dass ihre Arme über und über voller blauer Flecken zeigt. „Hab ich beim Laufen aber gar nicht gemerkt, da hab ich später selbst drüber gestaunt“, lacht sie.

OCR gibt’s auch für die Elitesportler

Sonja OCR

Sonja Cabezuela

Und was ist mit dem Dreck? Immerhin ist auf den Fotos, die Teilnehmer später stolz auf ihren Profilen posten, deutlich zu sehen, dass ein OCR auch immer einem gründlichen Schlammbad gleicht. „Angst vor Dreck hatte ich nie. Eher Respekt vor den Hindernissen“, sagt Sonja dazu. Klar zögere man kurz, wenn man zum ersten Mal ins Wasser oder in den Schlamm soll, mit Schuhen und allem, was dazugehört. „Aber als sie erst mal nass waren, war es okay“, erzählt sie. Und später sei es sogar so warm gewesen, dass man sich richtig darauf gefreut hätte, wieder ins Wasser zu können, um sich abzukühlen. „Irgendwie kommt da das Kind in einem durch“, findet Sina.

War es vor einigen Jahren noch schwer, einen der begehrten Plätze bei einem Hindernislauf zu bekommen, ist es heute ein leichtes. Selbst wer im Monat mehrere OCRs absolviert, hat am Ende noch immer nicht ganz Deutschland bereist. Tipp für alle, die ihren ersten Hindernislauf planen, ist daher zunächst einmal, den richtigen zu finden. Unbedingt auf die Distanz achten, denn durch die Hindernisse, die Kraft fordern und jedes Mal den Laufrhythmus unterbrechen, sind die Läufe deutlich fordernder und anstrengender als normale Läufe. Eine Liste mit zahlreichen Terminen zu OCR Races in Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Belgien gibt es hier. Übrigens: OCR ist nicht nur etwas für Hobbyläufer! Es gibt sogar Europa- und Weltmeisterschaften für diese Disziplin, in der die Profis dann allerdings als Einzelkämpfer an den Start gehen.

Plötzlich taucht die Ziellinie auf. Zweimal wird Sina sie passieren müssen – und eine Runde soll schon rum sein? Zeit und die Kilometer verflogen so schnell, dass Sina kaum glauben kann, dass elf Kilometer schon geschafft sind. Noch ein Runde. Noch eine Runde, die die Beine fast von alleine laufen, sich von überall her helfende Hände bei den Hindernissen entgegenstrecken und das Adrenalin durch den Körper rauscht. Als Sina gemeinsam mit ihrem Freund nach insgesamt 22 Kilometern durchs Ziel rennt, wird sie von einem solchen Stolz überwältigt, dass sie sich erst mal setzen muss. Und dann fließen ein paar Tränen – Tränen des Glücks. Der nächste Lauf? Wird schon auf dem Heimweg im Auto geplant. OCR? Ich komme!!

Denise Bernard

*ein herzliches Dankeschön an die Athleten für das Zurverfügungstellen der tollen Fotos
*Titelbild: StockPhotosLV/Shutterstock.com

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

2 thoughts on “OCR: Dreck, Schweiß und Tränen des Glücks

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.