Der Reiz der Dunkelheit: Trailrunning in der Nacht

Trailrunning Nacht Schuhe

Ein altes indianisches Sprichwort besagt: Urteile über niemanden, in dessen Schuhen du nicht gelaufen bist. An diesem Abend stehe ich in der Dunkelheit. Der Asphalt unter meinen Füßen wird nur vom schwachen Licht der Straßenlaternen und dem noch schwächeren meiner Stirnlampe beleuchtet.  Ich atme die frische Nachtluft und schaue hinauf in den Sternenhimmel. Dann drehe ich mich um und schaue in die Augen von Carsten Heinz. Nein, ich werde in dieser Nacht nicht in seinen Schuhen laufen. Nicht einmal in seinen Spuren, denn den Weg gebe ich vor. Und doch: In dieser Nacht werde ich auf seinen Spuren wandeln, denn Carsten Heinz ist Trailrunner. Da, wo der eigentliche Weg aufhört, beginnt für ihn erst das Abenteuer. Und für mich, die nachts bislang nur auf Asphalt unterwegs war, beginnt eine neue Welt. Trailrunning in der Nacht: eine Liebesgeschichte.

Mein Revier, dein Revier: Ab auf den Berg

Klar gibt es auch Trails, die sich irgendwo im Flachland durch Wiesen und Wälder schlängeln. Aber der Reiz am Trailrunning liegt für Carsten Heinz nicht nur in den schmalen Trampelpfaden durch den Wald, sondern auch an den Höhenmetern. „Raufrennen, runterballern!“, sagt er dazu und grinst so breit, dass man ihm schon ansieht, mit welcher Leidenschaft er seine Laufstrecken angeht. Wenn man Carsten reden, erzählen, in der Sache aufgehen hört, weiß man: Er wohnt im Paradies. Denn sein eigenes Revier ist die schwäbische Alb – hier kann man locker auch mal in ein paar Tagen 10000 Höhenmeter „fressen“, wenn man es drauf anlegt. „Feinste Single-Trails“, schwärmt Carsten. Pfade so schmal, dass keine zwei Personen aneinander vorbeikommen, ohne dass einer davon den Schritt zurück ins Gehölz machen muss. Was in der Wandersaison zum Nervenkrieg werden kann, ist nachts höchstens dann unangenehm, wenn eine Horde Wildschweine den Weg kreuzt. Carstens Revier: Er kennt es wie seine Westentasche,  auch in der Dunkelheit. Aber das hier ist mein Revier, und er kennt es nicht.

Da stehen wir also. Rücken unsere Stirnlampen zurecht, starten unsere Uhren, nicken uns zu und setzen uns in Bewegung. Mein Revier: Das ist der Gehrenberg bei Markdorf, 8 Kilometer Luftlinie sind es zum Bodensee. Ist das Wetter schön, hat man einen gigantischen Ausblick hinüber zu Alpen, in die Schweiz. Die Landschaft ergießt sich wie ein grüner Flickenteppich hin zum See, und man könnte stundenlang nichts anderes tun als auf dem Gehrenbergturm die Weite und die Ruhe zu genießen. Mein Revier kenne ich allerdings nur bei Tag wie meine Westentasche. Die Nacht aber verschluckt die winzigen Details… hier läuft man nicht mit seinen Augen, sondern seinem Instinkt. Und das letzte Mal, dass ich überhaupt auf „meinen Trails“ unterwegs war, ist schon eine ganze Weile her.

Von 0 auf 100: Der erste Eindruck zählt

Trailrunning Nacht Carsten DeniseWenn man einen Profi dabeihat, der für seinen Sport lebt und von dem man weiß, mit welcher Pace er unterwegs sein kann, muss man ein wenig auf die Tube drücken… Aber das ist ohnehin das, was ich nachts ganz gut kann: auf die Tube drücken. Nach den ersten Metern bergauf geht es ohnehin erst einmal wieder ein Stück bergab, auf Asphalt, bevor das erste gerade Stück Feldweg die Möglichkeit bietet, sich an den unebenen Untergrund zu gewöhnen. Mein Kaltstart von 0 auf 100 lässt Carsten Heinz trotzdem ein wenig verdutzt aus der Wäsche gucken. Zeit zum Beschweren hat er aber nicht: Es dauert nicht lang, da quält sich der schmale Pfad parallel zur Straße den Berg hinauf, um dann auf einem breiten Schotterweg vom Wald verschluckt zu werden. Der erste Ausblick: Wow! Im Dunkeln ist die Stadt unterhalb ein Lichtermeer, und trotz der Nacht lässt sich die Weite erkennen, die Carsten Heinz so liebt.

Das Knirschen der Schuhe auf dem Schotter, das Rascheln des Herbstlaubs und das rhythmische, leise Keuchen wird bald zum einzigen Geräusch in der Nacht. Die schwachen Stirnlampen beleuchten gerade mal die paar Wurzeln vor einem, der Rest wird von der Dunkelheit verschluckt. Wir rennen bergab, dann geht es steil zwischen den Bäumen bergauf. Der breite Weg hat sich zu einem schmalen Pfad gemausert, die Höhenmeter jagen den Puls auf eine Achterbahnfahrt. Eigentlich hätte jetzt der schönste Teil des Weges kommen sollen: Ein Single-Trail, wie er im Buche steht. Von einem breiten Waldweg geht er ab, gerade mal ein Fuß breit, und schlängelt sich mitten durch den Wald. Hier muss man schon tagsüber auf jeden Schritt achten, das Tempo ein wenig drosseln. Spätestens dann, wenn es über eine wackelige Brücke aus wenigen Holzstämmen über einen kleinen Bach geht, ist nicht mehr Geschwindigkeit, sondern Konzentration gefragt.

Aber diesen Pfad kenne ich nur im Hellen. Jetzt ist es dunkel. Stockdunkel. Und der Weg ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir bleiben stehen, leuchten durchs Gestrüpp. Ich nehme meine Stirnlampe in die Hand und lasse den schwachen Lichtkegel über den Boden tanzen. Brombeersträucher und Dickicht bleiben an der Hose hängen. Unter dem dichten Pflanzenteppich verstecken sich tückische Erdlöcher und Wurzeln. Ich versuche, die Richtung zu orten und führe Carsten auf gut Glück durchs Geäst, in der Hoffnung, auf den Trail zu treffen. Aber: nichts. Nur noch mehr Gestrüpp, hüfthoch. Nichts weiter als Dunkelheit und die Erkenntnis, dass unsere Stirnlampen wenig Nacht-Trail-tauglich sind. Halogenstrahler wären besser gewesen.

Wer nachts läuft, muss flexibel sein

Trailrunning Nacht Carsten

Source: Heinz

Die erste Erkenntnis also: Wer nachts läuft, muss flexibel sein. Carsten Heinz ist geduldig mit mir. Kein Wort über den Ausflug ins Gestrüpp, der wenig mit Laufen zu tun hat, mehr mit Schnitzeljagd. Gemeinsam suchen wir den Weg zurück, orientieren uns nur nach Gefühl. Dann halt eine andere Route… Carsten hat aufgepasst. Klar, einem Trailrunner entgeht kein Weg! „Da vorne ging es doch auch hoch!“, schlägt er vor, und ich weiß, was er meint: Den schmalen Wanderweg zum Aussichtsturm, immer am Waldrand entlang, mit einigen Naturtreppen und schönen, wurzeldurchzogenen Pfaden. Es ist nicht so meins, Wege zurückzulaufen, und die Nacht bietet sich nicht für Experimente an. Carsten kennt das. Manchmal, so erzählt er, nimmt er sich nur Zeit für solche Erkundungsläufe. Rennt dann jeden Waldweg, jeden Trampfelpfad entlang, nur um zu schauen, ob da ein neuer, ein noch schönerer Trail dahintersteckt. „Das ist unglaublich! Manchmal läuft man jahrelang an den schönsten Wegen vorbei, weil man nicht weiß, wo und ob die irgendwo hinführen. Dann probiert man es mal aus und findet plötzlich den geilsten Trail überhaupt“, erzählt der 38-Jährige.

Und auch mein Trail gefällt ihm, trotz unfreiwilliger Zwangspause. Es geht bergauf, wieder einmal. Und es wird windig. Aus dem Nichts pfeift uns plötzlich ein Wind um die Ohren, dass das Vorankommen auf dem schwierigen Weg gleich nochmal so anstrengend wird. Doch der Ausblick lohnt. Lichtermeer. Dunkle Weite. Die Höhenmeter sind geschafft. Wir bauen eine Fotopause ein, geben dann wieder Gas. Hier oben wird es flacher. Ein schmaler Pfad führt nah an der Abbruchstelle des Berghangs entlang, bevor der Trail wieder von der Dunkelheit des Waldes verschluckt wird. Noch einmal müssen wir den richtigen Weg suchen, der bei Nacht so viel anders aussieht als am Tag. Ab jetzt geht es nur noch bergab. Und je steiler und schwieriger bergab, desto steiler geht es mit Carstens Begeisterung bergauf.

Suicide Downhill: Wer bremst, verliert

Trailrunning Nacht Lichter

Source: Heinz

„Runterballern“ kann er jetzt endlich. Und er liebt das. Egal, wie steil das Gelände ist. Egal, wie viel Geröll und Schotter ihn ins Rutschen bringen. „Suicide Downhill“ nennen sie das bei der Hausberg Trailrunning Crew, und wer bei einem Race unterwegs ist, kann damit nochmal ordentlich Zeit gutmachen. „Lauf vor“, fordert Carsten mich deshalb auf. Und während ich vorsichtig meine Füße auf Wurzeln und losen Steine platziere und mich bemühe, den Trail möglichst gut mit meiner schwachen Lampe auszuleuchten, wartet Carsten ungeduldig auf seinen Auftritt. Kaum bin ich unten, legt er los. In atemberaubendem Tempo jagt er den kurzen, steilen Trail hinab – und dabei kennt er noch nicht mal die Tücken des Weges. „Wenn man bei einem Rennen ist, kennst du den Trail vorher meistens auch nicht. Da rennst du einfach. Wenn’s dich hinhaut, stehst du halt auf und läufst weiter“, grinst Carsten. Heißt ja nicht umsonst Suicide Downhill… denn was Selbstmörderisches hat es definitiv. Wer bremst, verliert.

Aber während ich Minuten später mit dem kompletten Schuh bis weit über den Knöchel im Matschloch feststecke, hat Carsten dann doch weniger Glück mit dem Trail. Er bleibt mit einem Fuß in einem Loch stecken und fällt. Und genau das ist der Moment, in dem man seine jahrelange Erfahrung beim Bergab-Rennen sieht. Denn während es mich der Länge nach unglücklich und wenig elegant auf den Bauch geschlagen hätte, kann man Carstens Fall kaum mitverfolgen. Er schlägt nicht auf und fängt sich mit den Armen ab. Er rollt sich im Fallen wie ein Judokämpfer nach einem Schlag über die Schulter ab und steht schneller wieder auf den Beinen, als ich gucken kann. Es reicht für einen kurzen Fluch, meinen besorgten Blick, einen Lachanfall meinerseits über meinen völlig versauten Schuh, und dann jagen wir weiter den Weg entlang. Als der schmale Wanderweg wieder in einen breiten Waldweg übergeht, setzten wir auf Tempo. Ich gebe Gas, Carsten zieht nach, und gemeinsam jagen wir durch die Nacht. An uns ziehen Bäume, Sträucher, Büsche vorbei, wir fliegen über den Waldboden, über Schotter, Herbstlaub und kleine, ausgetrocknete Pfützen. Es sind die letzten anderthalb Kilometer, das letzte Aufbäumen in der Nacht, und wir genießen jede Sekunde davon.

Als wir zurück zum Startpunkt kommen, sind wir matschbeschmiert, durchgeschwitzt, aber einfach nur glücklich. Die Endorphine sind noch lange nicht zur Ruhe gekommen, sie jagen noch ein wenig weiter durch unseren Körper und sorgen dafür, dass wir ein fettes, strahlendes Lächeln im Gesicht haben. Es ist diese Magie vom Laufen, die einen immer wieder in die Turnschuhe treibt. Es ist der ganz besondere Zauber der Nacht, der uns auch dann in die Turnschuhe treibt, wenn man kaum die Hand vor Augen sieht. Alleine im Dunkeln auf dem Trail? Ich würds wohl nicht machen. Aber zu zweit? Unschlagbar gut.

P.S.: Tipps für gute Stirnlampen nehmen wir natürlich gerne entgegen 🙂

Denise Bernard

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