Trailrunning – Eine Liebeserklärung ans Laufen ohne Plan

Trailrunning

Source: pixabay

Es knackt, es knirscht. Mit jedem Schritt brechen unter meinen Schuhen dünne Ästchen, die der Wind an den letzten stürmischen Tagen von den Bäumen geschüttelt hat. Grün ist es hier in den vergangenen Monaten geworden, sattgrün. Über mir wiegen sich die Blätter der Laubbäume und brechen das zarte Licht in kleine tanzende Flecken auf dem Waldboden. Ich mache mir einen Spaß daraus und versuche, sie mit jedem Schritt zu erwischen: kleine Hopser, dann wieder große – links, rechts, über eine Pfütze hinweg und am nächsten Matschloch vorbei. In der Nase: der satte Duft von feuchter Erde und von Moos. In den Ohren: Musik. Aber dieses Mal nicht die Musik, die aus den Ohrstöpseln kommt und die im Radio rauf- und runtergespielt wird. Sondern die Musik, die die Natur für mich macht: Blätterrauschen. Vogelzwitschern. Das Rascheln vom Laub, das inzwischen in der Sommerhitze zerfällt. Huch, ist da nicht eine Maus über den Weg geflitzt?

Für Läufer, die ohnehin lieber in der Natur statt auf Straßen unterwegs sind, klingt das perfekt. Doch ist es überhaupt wichtig, wo ich laufe? Ist das „Trailrunning“ nicht viel eher eine Geschmackssache, die höchstens in der Menge des Drecks und der Anzahl an Mückenstichen nach dem Lauf einen Unterschied macht? Gegenfrage: Wie gerne baust du Techniktraining in dein Laufpensum ein?

Trailrunning verbessert die Laufökonomie

Die meisten machen um Techniktraining lieber einen Bogen. Es ist nicht sehr spannend, auf einer Tartanbahn abwechselnd Hopserläufe, Anfersen oder Seitsprünge zu absolvieren. Wir drücken uns davor, obwohl wir wissen, dass es wichtig für uns ist. Doch mit regelmäßigem Techniktraining im Laufen haben wir zwei entscheidende Vorteile. Erstens: Wir verbessern unsere Laufökonomie durch unterschiedliche Schrittfrequenzen, Fußstellungen und Armeinsätze. Langfristig kann uns das schneller machen. Zweitens: Wir beugen Verletzungen vor. Durch die Übungen werden sowohl die Stützmuskulatur als auch Bänder und Sehnen von Füßen und Knien sehr viel intensiver beansprucht als bei einer gleichmäßigen Laufbewegung. Muskuläre Dysbalancen und Überlastungen werden vermieden, außerdem fordern wir Koordination und Geschicklichkeit.

Trailrunning

Source: pixabay

Nun zurück zu meiner Strecke: Wenn ich über Pfützen springe und Hindernissen ausweiche, mache ich nichts anderes als – Techniktraining! Der unebene Boden zwingt mich dazu, die Schrittfrequenzen zu variieren und die Arme zum Schwung mitzunehmen. Ich ziehe die Knie höher, wenn ich über Wurzelpfade laufe. Weiche ich Hindernissen aus, muss ich die gesamte Rumpfmuskulatur für die Seitsprünge aktivieren. Je mehr meine Strecke in Richtung „Crosslauf“ variiert – je mehr Hindernisse ich also auf meinem Weg aktiv mitnehme – desto stärker arbeitet der Rumpf mit. Jeder Boden stellt eigene Herausforderungen an die Lauftechnik. Wald- und Feldwege, Wiesen, Trampelpfade und Geröll fordern die Koordination und Konzentration. Außerdem muss der Körper im Gelände mehr arbeiten. Kämpfe ich mich den nächsten Anstieg hinauf, erbringen vordere Oberschenkelmuskulatur, Waden und Po Höchstleistungen. Wer schon einmal einen Geröllweg hinuntergejoggt ist, weiß um die Schwierigkeiten, einen sicheren Tritt zu bewahren. Auch jetzt arbeitet die Beinmuskulatur auf Hochtouren. Gleichzeitig verarbeitet das  Nervensystem unzählige Aufprallimpulse und lernt, durch die Aktivierung von mehr Muskelzellen effizienter damit umzugehen.

Natürliches Intervalltraining und lockeres Fahrtspiel

Wer also  keine Lust auf klassisches Techniktraining mit dem Lauf-ABC hat, ist mit regelmäßigem Trailrunning gut bedient. Ein weiterer Vorteil: Der Kalorienverbrauch steigt durch das Laufen in profiliertem Gelände. Während der Puls bei Läufen auf ebener Strecke gleichmäßig bleibt, ist Trailrunning eine natürliche Art, Intervalltraining zu betreiben. Bergauf steigt die Herzfrequenz ordentlich an, bergab sinkt sie unter den Durchschnitt zurück und gibt dem Läufer etwas Zeit zum Durchatmen – bis zum nächsten Anstieg. Geht man von einem Kalorienverbrauch von ca. 500kcal pro Stunde aus, fordert das Laufen im hügeligen Gelände locker ein Drittel mehr. Auch der Nachbrenneffekt ist durch das natürliche HIIT-Training höher.

Wer im Flachland wohnt und abseits der Straßen unterwegs ist, kann das Training im Gelände zum lockeren Fahrtspiel nutzen. Nichts bietet sich besser an als ein Lauf querfeldein: Sprinten bis zur nächsten Weggabelung, locker traben bis zur dritten Fichte – unterschiedlich lange Intervalle von Erholung und Belastung steigern die Leistungsfähigkeit. Achtet aber darauf, gleichmäßig zu laufen! Insbesondere im Gelände fällt auf, dass man ein so genanntes „Sprungbein“ und ein „Landebein“ hat, sich also verstärkt mit einem Bein beim Springen über Pfützen, Äste und Co. abdrückt und mit dem anderen landet. Wer sich aktiv zwingt, auch das „ungeliebte“ Bein zu nutzen, feilt noch besser an einem ausgewogenen Laufstil.

Trailrunning

Source: pixabay

Nicht zuletzt ist Trailrunning auch ein großes Stück Freiheit. Wer querfeldein läuft, braucht keine Uhr und keine vorgeplante Route. Es ist Laufen nach Gefühl und – auch wenn es blöd klingt – mit dem Herzen. Ich liebe es, wenn ich den Waldweg verlasse und auf diesen kleinen Trampelpfad einbiege, der so schmal wird, dass ich mich im Sommer durchs kniehohe Gestrüpp kämpfen muss. Matschig ist es hier, manchmal kommt man nur im Schritttempo voran. Ein Mountainbike hat seine Spuren in der feuchten Erde hinterlassen, genau neben den Abdrücken von einem Reh. Und plötzlich ist sie da: Diese kleine Brücke aus wackeligen Holzbrettern, die über einen plätschernden Bach führen. Kaum habe ich ihn überquert, geht es bergauf – so steil, dass ich meinen Herzschlag schon bald in den Ohren pulsieren höre. Das ist der Beat, der mich antreibt, wenn ich Naturwegen folge. Belohnt werde ich nicht nur durch Augenblicke, die man sonst selten erlebt, sondern auch durch einen wirklich frei gepusteten Kopf. Denn wer so sehr damit beschäftigt ist, auf den Weg und seine kleinen Tücken zu achten, hat keine Zeit mehr für ein Gedankenkarussell.

Denise Bernard

Merken

Merken

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.